Kuhglocken und stehende Steine
oder:
Wie wir die wahre Schweiz fanden
Ein Bericht vom
17. Urschwyztreffen in der Urschwyz (Oktober 2000)
Was
machen wir falsch? Auf der Anreise nach Oberrickenbach waren es
bis zu 28°C (Straßburg). In Oberrickenbach selbst waren dann
keine Gießkannen mehr erforderlich. Pünktlich gegen 3 Uhr
nachts begann es zu regnen und hörte eigentlich erst am
Dienstag wieder auf. Auf dem Gotthard lag Schnee. Kein Wunder im
Oktober.
Dieses
mal schlafen wir nicht im 2CV, sondern gönnen uns den Luxus, im
geräumigen 2-Personen-Kuppelzelt zu nächtigen. Das
gleichmäßige prasseln des Regens ist im Zelt ebenso beruhigend
wie im 2CV. Morgens wundere ich mich über kalte Füße. Genauer
gesagt nasse. Eine Kontrolle der Häringe bringt Licht ins
Dunkel: Der trocken straff gespannte Zeltstoff quillt beim
Beregnen, hängt durch, berührt die Füße und wird undicht.
Von
alledem haben sich die schwyzer Almkühe nicht abhalten lassen,
heftiglichst und ohn' Unterlass mit dem Bass der Ländlermusi um
die Wette zu bongeln. Samstag wohnten wir mit staunenden Augen
dem Almauf- und -abtrieb bei, der zeitgleich mit einem (durch
ungeduldige Rinderhufe arg geschundenen) Mercedes-LKW
durchgeführt wurde.

Peter beim Rösti-Kehren
Die
Treiber sahen noch original aus. Sie gingen allerdings nicht
kuhglockenbongelnd vor den Rindern her, sondern nur so. Dieses
Erlebnis mussten wir im Gasthof zur Post in mehreren Gläsli des
roten Fetzers ertränken, bevor wir den beschwerlichen
Wiederaufstieg zum Treffenplatz antreten konnten.
Nach
diesem anstrengenden Tagewerk zog ich mich ins Zelt zu einer
kreativen Pause zurück, die ich aus Feuchtigkeitsgründen ins
Auto verlegen musste. So gelangten wir zu dem Ober-Luxus eines
leeren, feuchten Zelts neben dem vollen, trockenen (!) 2CV.
Pavillons, das sei an dieser Stelle nebenbei angemerkt, sind
offenbar in erster Linie als Sonnenschutz gedacht, einer
Wassersäule von 4000 mm halten sie jedoch ebenfalls nicht
stand.
Als
ich die Augen aufschlug, war es erst sieben Uhr und noch dunkel.
Keiner hatte Frühstück gemacht. Im Festzelt spielte
erbarmungslos Ländlermusik. Wir werden die Bezugsquelle der
verwendeten Endloscassette ermitteln und vom Erdboden
ausradieren.
Ich
putzte mir die Zähne und watete durch 10 cm tiefen Schlamm zum
Zelt. Dort gab es keine Brötchen, sondern Eintopf, später auch
Chaffi-fertig aus dem Wäschehafen. Jetzt schon mittag essen?
Ich fügte mich in das unvermeidliche und aß Eintopf mit
Chaffi-fertig. Aus 50-Liter-Chemikalienbehältern wurden 5 Liter
einer klaren Flüssigkeit (angeblich ein Mittel gegen Maul- und
Klauenseuche) abgemessen und zusammen mit 2 kg Zucker dem im
Wasserbad mit 0,5 hl Wasser zerkochten Kaffeemehl zugesetzt.
Später wurden meine Beine weich. Der Kopf blieb erstaunlich
klar. Die Sonne ging immer noch nicht auf. War es der Chaffi?

Haute Cuisine....
Plötzlich
wurden überall Kocher entzündet. Fieberhaft mühten sich die
Rösti-Kehr-Bewerb-Teilnehmer. Es rührte an meiner Ehre. Ich
lieh mir eine Pfanne und bereitete die schmackhaftesten Rösti
westlich von Santa Fe. Beim freihändigen Wenden wurden mir
leider die Augen verbunden. So gelangten die Hunde in den Genuss
meiner Rösti. Meinen Frust verglomm ich am Lagerfeuer.

... ging vor die Hunde.
Als
ich später in den Alkoholdunst des Festzeltes zurückkehrte,
erhielt ich einen Kalender, eine Kappe und ein Skatspiel für
meine Performance. Da ich zu spät kam, weiß ich nicht, was die
Sieger bekommen haben. Es wurde immer dunkler. Ich hatte nur
eine halbe Stunde geschlafen, nicht 12 Stunden! Ich musste also
weitere 10 Stunden Ländlermusik erdulden.
Wir
schreiben den 3. Oktober. Der deutschen Wiedervereinigung
verdanken wir, dass wir die Motorhaube Sonntag nicht nach
Deutschland, sondern ins Tessin steuern konnten. Nur wenige km
von der Gotthardautobahn entfernt zogen wir uns zum Gedenken an
das ferne Vaterland auf einen kleinen verzauberten Zeltplatz im
Bergland des Piedmonte zurück. Durch enge Gassen, wo der 2CV
fast rechts und links anstieß, in Orte, wo die Häuser noch mit
Würde verfallen dürfen, vorbei an verwunschenen Friedhöfen,
die Edgar Allan Poe hellauf begeistert hätten. Hier also wohnen
die Schweizer, die der sonst so sprichwörtlichen Gründlichkeit
und Sauberkeit in Zürich oder Bern entfliehen möchten.

Friedhof von Astano
Mit
größtem Liebreiz und Anmut waltete Bernadette, die
Zeltplatzwalterin, ihres Amtes. So sehr, dass Dienstag sogar die
Sonne wieder vom Himmel lachte. Völlig betört kauften unsere
alleinreisenden männlichen Begleiter um die Wette Duschmarken,
Postkarten und Brötli, nur um mehr von der Anwesenheit der
Verehrtesten erheischen zu können. Ich ließ mich ausgiebig
über Wanderrouten und Sehenswürdigkeiten sowie die lokale
Wirtschaftslage, den Stand des Campinggashandels, die einzelnen
Campinggebühren und die schweizerischen Vogelweine beraten.
Die
Beratung fruchtete im Ankauf von 6 Brötli und einer Wanderung.
Durch das Auf und Ab des schweizer Alpenvorlandes ließen wir
uns in eine Zauberwelt aus endlosen Esskastanienwäldern,
ungezähmten Bergflüsschen, ungarischen Wollschweinen und
stehenden Steinen entführen. Bald quollen alle Taschen, die wir
hatten, von prallen, reifen Maronen über. Vorbei an
verwunschenen Zeugen vergangener Aktivitäten gelangten wir zu
einem Wasserfall, an dessen Unterlauf wir eine Rast einlegten.
Ein
Schweizer harkte das Laub vom Wanderweg. Am Flussbett standen
kiloschwere Steine auf der Spitze. Meiner angeboren Neugier
folgend, betastete ich eine besonders unwirkliche Skulptur aus
drei hochkant aufgespießten, länglichen Steinen vorsichtig,
nur um festzustellen, dass kein Zauber, sondern die reine
Balance die Skulptur zusammenhielt. Ein Schmetterling hätte sie
umwehen können. Nach einer halben Stunde hatte ich sie wieder
aufgerichtet, und neue, eigene Skulpturen. Wir werden dem Club
der Steine-auf-die-Spitze-Steller beitreten.

Steine-auf-die-Spitze-Steller
Genau
auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien errichtete ich
mein zweites Werk gegen das Diktat der Schwerkraft, eine 30 cm
hohe Steinplatte, die in einer 0,5 cm² großen Standfläche
auslief. Bisher hat sie kein Erdbeben registriert. Eigens für
dieses Happening ließen wir uns auf den Monte Generoso, den
generösen Berg, ziehen. Eine niedlich schmalspurige Zahnradbahn
arbeitet sich in 40 Minuten fast von Meereshöhe auf den 1700 m
hohen Gipfel vor. Hier kann man vom Matterhorn bis zum Smog von
Mailand den gesamten südlichen Alpenraum überblicken.

Wider die Schwerkraft
Nun
wissen wir: Die Modelleisenbahn wurde in der Schweiz erfunden.
Ein Schild weist den Zugführer unmissverständlich auf seine
Grenzen hin: Höchstgeschwindigkeit 10 km/h. Wir staunen über
den unerbittlichen Glauben in die Technik und das Geld des
Touristen. Von einer Sprudelflasche entnahmen wir den Gutschein,
der uns den halben regulären Fahrpreis verheißt. Immer noch
kein Sonderangebot, doch pro Minute billiger als eine Fahrt mit
der Achterbahn.
Mit
der letzten Bahn fahren wir herunter, Capolago an: 16:55 Uhr. In
13 Stunden muss ich auf der Arbeit sein. Als erfahrener
Urlaub-bis-zur-letzten-Minute-Auskoster haben wir errechnet,
dass wir um 17:00 Uhr losfahren müssen, um noch am selben Tag
zu Hause zu sein. Die 506 km bewältigen wir dank neuer, bisher
weitgehend unbekannter Autobahnen im Elsaß in gut 6 Stunden,
ein sensationeller Wert für einen 2CV. Strawberrix hat die
Strecke ohne zu murren brav abgeschnurrt und wartet bereits auf
das nächste Treffen.
Der
Altweibersommer fand an diesem Wochenende überigens innerhalb
der Berge statt. Unter 1000 m Fels, mit der Außenwelt nur durch
zwei 9 km lange dünne Bänder aus Asphalt, Abgas und Autos
verbunden, fanden wir den wärmsten Punkt der Schweiz. 34°C
zeigte das Außenthermometer in der Mitte des Gotthardtunnels.
Bis zum Wiederaustritt in die Erdatmosphäre hatte sich der
Fahrgastraum durch das Dach und die geschlossenen Scheiben auf
29°C aufgeheizt.
Bis zum nächsten
Urschwyztreffen,
Karsten Schreiber
Happy Ents Saarbrücken
SB-CV 911
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