
6000
verschiedene Welttreffen auf einem Platz
Bouoooaahouuah - beschwörend dringt der
Klang von zwei Didgeridoos an mein linkes Ohr, an das
Zwerchfell, an das Kleinhirn. Er trägt mich fort aus dem
kosmopolitischen Kreis der jungen Entenfahrer, die sich um das
Zweit-Lagerfeuer eingefunden haben, in andere Gedankenwelten.
Österreichischer Odem vermag den Instrumenten der Aborigines
die betörenden Klänge zu entlocken. Bewunderung aus schönen
Mädchenaugen ist dem Musikant gewiss.

"There are no Kangoroos in Austria",
erklärt ein T-Shirt dem geographisch unerfahrenen anglophonen
T-Shirt-Leser. Beim Song-Contest im großen Zelt werden wir
eines Besseren belehrt. Sie spielen sogar Gitarre und fahren
2CV. Und sind aufblasbar. Tags drauf finden wir das Känguruh
sogar am Steuer Ente. (Caution! Rear hand drive!)

Die Klänge der Antipoden vermischen sich mit dem
Stakkato italienischer Konversation. Der Redner ist beringt mit
14 Ohrringen, versehen mit dem unnachahmlichen Blick
italienischer Männer, der jedes Frauenherz erweichen kann,
gesegnet mit einem sonnengebräunten, sehnig-muskulösen
Oberkörper, wie ihn Michelangelo nicht besser hätte
modellieren können. Sie träumt von Eros Ramazottl und Julio
Ecclesias, doch neben Ihr der zahme Trottl sagt: "Gib a
Ruah, I lös jetzt wos!"
Von rechts vernimmt mein geschultes Ohr die
vergleichsweise wortarme, aber dennoch nicht minder subtile
finnische Variante der Anbahnung verschieden geschlechtlicher
Beziehungen. Gerade genügend Licht wirft das Feuer auf die
nordischen Gesichter, die das Herz jedes deutschen Mannes höher
schlagen lassen. Wenig Worte, kaum wahrnehmbarer Körperkontakt,
lassen am Erfolg der Bemühungen zweifeln. Und doch belegen die
zahlreich angereisten finnischen Familien mit vielen Kindern,
dass Finnen Menschen der Tat und nicht der Worte sind.
Es ist der letzte Tag, drei Uhr nachts. Die Band,
die Eltern und Brut gleichsam in Ihren Bann zu ziehen vermochte,
Entenfahrerinnen und -fahrer auf den Tischen tanzen ließ und
tausend Kehlen zum Mitsingen brachte, ist lange im Wohnwagen
verschwunden. Zum Ausklang legt DJ Mehari die größten Hits
aller Zeiten auf, es wird weiter auf den Tischen getanzt und ein
Ende ist nicht abzusehen.

Da wir leider mittlerweile zur Generation der
Eltern gehören, gehen wir schließlich, dem Diktat
körperlicher Erschöpfung folgend, ins Bett - pardon - auf die
Isomatte. Beschwerlich ist der Aufstieg in die Oberstadt, doch
wird die Müh' gelohnt durch stark gedämpften Partylärm.
"Ruhezone" nennt sich der Bereich, wo wir bei Freunden
aus dem Rheinland und aus Westfalen Unterschlupf fanden. Die
unsichtbare Schalltrennwand zwischen Partyzelt,
niederländischen Outlaws und den ruhigen Wohnquartieren
funktioniert wieder Erwarten gut. Schnarchen aus dem Nachbarzelt
hält sie freilich nicht ab.
Rheinländer und Westfalen zusammen unter einer
Schattenplane? Es geht - wieder beweisen wir kosmopolitische
Gesinnung. Erleichtert wird die multikulturelle Verständigung
durch die Tatsache, dass ich nur selten "zu Hause"
bin. Viel zu viel gibt es auf dem weitläufigen Treffenplatz,
der bis vor kurzem noch ein unbeachtetes Dasein als Heuwiese
führte, zu verpassen.

Zum Beispiel die Superfinn-Party.
Mysteriöse Gemeinsamkeiten verbinden Entenfahrer aus der
Alpenrepublik mit dem Heimatland der Nokias. Arne winkt einen
Vierzigtonner auf die Wiese, die für Kinderspiele reserviert
ist. Der Kipper hebt sich majestätisch.
Ein Raunen geht durch die
versammelten Superfinnen. Sekunden später tobt die I.
Internationale Sommerschneeballschlacht von Seeboden mit voller
Kraft. Die Lautsprecheranlage vermag das Kindergeschrei kaum zu
übertönen. Wir sind nur Gäste auf dem Kinderspielplatz.

Doch schließlich gelingt es der österreichischen
Präsidentschaft, dem ersten Superfinnen zur Scheekette am Band
eine Super-Ösi-Urkunde zu überreichen. Obwohl des
österreichischen absolut nicht mächtig, verlesen Henkka und
Jukka das Pamphlet zur großen Erheiterung der übrigen
Anwesenden phonetisch durchaus korrekt, wenn auch mit leichtem
finnischen Akzent. Ihastuttavan hyvää huomenta!
Während
die Superfin-Party zu den sanften Klängen der Bardin Rrrrauni
Rrrrrokka aus Nokia allmählich im Dunst des Enough-drinks
versinkt, schickt sich ein Niederländer an, den Isomäki
(finnisch für großer Hügel) aus Gletscherschnee mit
Abfahrtsschiern zu erklimmen. Trotz schlechter Haltungsnoten
gelingt die Abfahrt schließlich unter dem rauschenden Applaus
der Zuschauer an den Hängen und Pisten.
Die österreichischen Organisatoren
berichten, dass der Gemeinderat von Seeboden eigens für das
Treffen den Flächennutzungsplan befristet ändern musste. Dies
ist nur eine der wenigen Kunststücke, die Günther und sein
Team im Hintergrund vollbracht haben, von denen die Gäste am
Lagerfeuer wenig mitbekommen.
Verhandlungen mit
wechselnden Eigentümern und Pächtern, Organisation sämtlicher
Infrastruktur für eine 6000-Seelen-Stadt, Ersatz beschaffen
für ein defektes Gülleauto, Sonntags Überweisungen
stornieren, die versehentlich in Euro statt in Öschis
ausgeführt wurden - Von Treffenromantik haben die Organisatoren
nicht viel mitbekommen. Der Druck lässt für den persönlich
mit seinem Vermögen haftenden Präserl erst nach, als sich
abzeichnet, dass die magische break-even-Teilnehmerzahl weit
übertroffen wird.
Immer wieder treffen wir Freunde aus den
österreichischen Ortsclubs, jedesmal die Frage: Klappt alles,
gefällt es euch, machen wir alles richtig? Mehr als bei anderen
Welttreffen wird uns klar, welchen Aufwand eine solche
Veranstaltung bedeutet. Und jedes Mal können wir aus vollem
Herzen sagen: Es ist phantastisch, alles klappt wunderbar! Und
ein kleines Lächeln ernten.

Gerade habe ich
ein Visamotor - Breitreifen - Gespräch überstanden, die
Planung eines neuen Internetauftritts, ein Interview mit einem
stolzen britischen Lomaxfahrer. Die Einladung zu Bobbys
Geburtstagsfete unter der Kalifornischen Fahne steht aus. Beim
erklimmen des Hangs zur Oberstadt werde ich von Hr. Martin
abgefangen. Ob ich gerade schnell etwas abschließendes für die
Treffenzeitung zu sagen hätte? Während die Fotografin
fotografiert, stammle ich etwas von Schadensersatzforderungen
wegen 72 unnütz mitgenommener Pullover, wiederrufe die Aussage
sofort und finde sie tags drauf in der überall gratis
aushängenden Treffenzeitung mit Bild wieder. Karsten S.
aus D. Man sollte immer die Aussage verweigern.

Waschraum mit Zeitungskiosk
Was bleibt sonst
zu berichten? Dass viel Bier getrunken wurde? Es nur einmal
geregnet hat? Die Sanitärs ok waren? Über 3000 Fahrzeuge da
waren? Ein See zum Abkühlen verfügbar war? Uns alle Seebodener
herzlich willkommen geheißen haben? Alles selbstverständlich?
Nein, aber wir wissen, welche Arbeit dahinter gesteckt hat!
Danke allen Helfern, die an der Vorbereitung und Durchführung
beteiligt waren, und wir wünschen euch, dass ihr das nächste
Ententreffen als Gast wieder aus vollen Zügen genießen könnt!
Karsten Schreiber
Happy Ents Saarbrücken
SB-CV 911
PS.: Warum
6000 Welttreffen? Weil jeder Besucher sein eigenes Welttreffen
erlebt hat. Enten haben viele andere bereits fotografiert.
Deshalb ist hier ist ein kleiner Ausschnitt von meinem ganz
subjektiv erlebten Treffen. Und deshalb hier noch ein paar
Bilder von Treffenbesuchern!

In short: Wir spinnen, wir Entenfahrer!
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