Lang
ersehnt, endlich da: Der vollständige Korsika-Bericht von
Karsten!


oder
Sonne,
Eis, Felsen und Zangerln
"Was macht Ihr denn so an Weihnachten?"
-
"Och, äh, wir fahren nach Korsika." -
"Ins Hotel?" -
"Nein, mit der Ente." -
"???"
Ich blicke in ein völlig verständnisloses
Gesicht. "Ok, aber wo schlaft ihr denn?" -
"In der Ente." Spätestens jetzt bricht die
Konversation ab. Mein Gegenüber wendet sich seinem
Tagesgeschäft zu und bucht mich innerlich als Volltrottel ab.
Vielleicht zu recht.

Im Mittelmeerraum ist es immer warm. Sagt ein
weit verbreitetes Gerücht. Da wachsen Zitronen, Wein und
hübsche Männer.

Falsch. Zumindest das mit der Temperatur. Diesmal werde ich keinen Beschwerdebrief
wg. überflüssig mitgeführter Wollsachen an die Organisatoren
schicken (vgl. Bericht vom 2CV-Welttreffen Seeboden
2001). "Aber die Enten haben doch keine Heizung!"
Richtig. Zumindest im Stand. Wer keine Standheizung einbauen
will, muss die der Anderen hören und riechen, fühlt aber
nichts. Erstmals in meinem Leben verwende ich eine Schlafmütze
und kroch söcklings (oberösterr. für 'mit Socken') in den
Schlafsack. Auf der Raid Laponie habe ich nicht so gefroren wie
hier. Im Gegensatz zu der besten Ehefrau von allen:
23.12.: "Mir ist heiß!"
25.12.: "Mir ist warm!"
12.01.: "Mir ist noch nicht optimal kalt!"

"Wie geht denn so eine Raid Korsika?"
"Das ist keine Raid."
"Aha. Wo schlafen wir denn?"
"Ich zeige dir die Stellen, wenn wir da sind."
"Ah ja. Wer bestimmt denn die Route?"
"Wir fahren da, wo wir immer gefahren sind.
Oder woanders."
"Ach. Wann geht es denn los?"
"Letztes Mal haben haben wir uns vor Weihnachten
getroffen."
"Ach was..."
Als Erstkonsumenten vertrauen wir uns
programmtechnisch erfahrenen Korsikafahrern an. Bereits der
erste Abend übertrifft alle Erwartungen. Korsische Küche
trifft auf deutsche Mägen. Der Wirt des Restaurant "Cigalle"
bringt bis zum Abwinken, Wein und Verdauungsschnaps inbegriffen.
Nur keinen Gesang. Heute muss niemand hungern. Zu
fortgeschrittener Stunde schenkt er uns Bilder vom letzten Jahr.
Entenfahrer sind treu. Besonders bei so guter Bewirtung.

Morgen ist Heiligabend. Da wir zu viel getrunken
haben, müssen wir auf seinem Parkplatz nächtigen. Was weder
für ihn noch für uns ein Problem darstellt.

Der nächste Platz liegt landschaftlich noch
schöner, fast am Meer, vor den Toren von St. Florent. Dort soll
nach altem Brauch am Weihnachtsabend auf dem Dorfplatz ein
großes Feuer entzündet werden. Der Campingplatz hat sogar
Toiletten, einen Kaffeeautomat, eine geheizte Werkstatt und vier
Zapfsäulen. Von Shell.

Der Tankwart duldet uns auf seinem Grund, weil
eine Teilnehmerin aus K. sich mit einem Ford angelegt hat und
daraufhin "Sausi" aus eigener Kraft nicht mehr
weiterkommt. So feiern wir Weihnachten auf seiner Tankstelle.
Mit Meerblick, Terrasse und verschneiten Bergen im Hintergrund.
Rahmen, Schwingarm, Spurstange, Felge, Kotflügel
und Häuschen wurden kalt verformt - ein wirtschaftlicher
Totalschaden. Nicht unter Entenfahrern. Und schon gar nicht in
Korsika. Morgen ist Feiertag, da geht gar nichts.

Tina B. aus K., 26.12.2001 um
8:07 Uhr
Aber am 26.12.2001 um 8:07 Uhr ruft die Arbeit.
Im Geiste der Rally Paris - Dakar machen wir unseren
Weihnachtsausflug zu Luc, dem hilfsbereiten Mandelbauern mit den
unermesslichen Schätzen im Garten.

Rally Paris - Dakar

Das Spenderfahrzeug
Um es kurz zu machen: Zehn EntenfahrerInnen
können in 7 Stunden einen Rahmen tauschen (incl. Wechsel eines
Achsschenkelbolzens). Der Einbau erfolgt in umgekehrter
Reihenfolge des Ausbaus. Um 17 Uhr ist Hotel Sausi wieder
einsatzbereit.
Der Inhalt von Sausi
Der neuwertige Ford Fiesta war Schrott und blieb
auch Schrott, als der Ententross schon lange wieder rollte. Das
touristische Programm musste etwas gestrafft werden, litt jedoch
nur unmerklich.
"Steine, Strände und Schrott" war das
Motto. Je weiter wir nach Süden kamen, desto weniger merkten
wir vom kalten Mistral aus Norden. Wahre Erholung fanden wir in
einer heißen Quelle, deren kommerzielle Nutzung vor Jahrzehnten
aufgegeben worden war. So hatten wir das Betonbecken mit
Schwefelwasser für uns.

Fantastische Erosionsformen säumen die
Küstenstraße in der Calanche an der entlegenen und
dünn besiedelten Westküste bei Porto.
Alte Brunnen, kunstvoll mit Kieselsteinen
verkleidet, spenden sauberes Quellwasser.

Die Altstadt von Bonifacio, der südlichsten Stadt
Korsikas, wacht auf einer natürlichen Bastion aus Kalkstein
über den Hafen und die Meerenge zu Sardinien. Wie im Bilderbuch
liegt die Unterstadt zu unseren Füßen. Im Windschutz der
steilen Felswand sonnen wir uns und stellen uns einen Sommertag
am Meer vor.

Bonifacio
Entenfahrer verbindet eine eigenartige Sympathie
mit den Wellblech-Lieferwagen von Citroën. Scheinwerfer, Tacho
und Seitenklappe kommen uns irgendwie bekannt vor. Korsika ist
heute vielleicht die Region mit der höchsten HY-Dichte. Dies
verdanken wir Bäckern und Metzgern. Und Landwirten, die
ausgedienten HYs ein zweites Leben als Hühnerstall gewähren.

Stufe 1: Ambulanter Handel
Während sich ein Teil der Gruppe auf dem
Schrottplatz vergnügt, ziehen wir es vor, etwas Stadtluft zu
schnuppern. Wir können uns kaum von den Düften und
Verlockungen des Marktes von Ajaccio trennen. Hier finden
wir eine seltene Übergangsform zwischen Verkaufswagen und
Hühnerstall: Ein Geflügelhandel in einem nicht mehr
fahrbereiten HY.

Stufe 2: Stationärer Handel
Stufe 3: Hühnerstall (ohne
Abbildung)
Ganz im Westen von Ajaccio stemmen sich
die Iles Sanguinaires ins offene Meer. Es geht die Mär,
dass hier der Sturm einmal derart ungestüm getobt hat, dass die
Scheiben der Enten hinterher blind waren. Wir wandern um die
äußerste Halbinsel und finden unsere Ente unversehrt wieder.

In
einer kleinen, versteckten Bucht an der Südküste machen wir
einen Tag Urlaub. Niemand macht uns in dieser Jahreszeit den
Strand streitig, außer einer einheimischen Katze. Sie ergreift
sofort Besitz von unserem Campingsessel. Wie es wohl im Sommer
hier aussehen mag?
Wir sammeln Kräfte für unsere große Wanderung: 1217 Meter
ragt l'Uomo di Cagna über das Meer. Vom Strand können
wir den Wackelstein sehen, der Seefahrern im Mittelalter bereits
als Landmarke gedient hat.

Strahlende Sonne weckt uns am Morgen der
Wanderung. Bis zum 472 Meter hohen Bergdorf Gianuccio können
wir fahren. Freundlich erlaubt uns ein Anwohner, die Enten in
seiner Einfahrt stehen zu lassen, als der Weg selbst für den
ersten Gang zu steil wird. Durch Wälder immergrüner Eichen,
vorbei an bizarren Gnomen aus Granit, durch versteinerte
Labyrinthe und über kahle Hänge, auf denen das wenige Wasser
gefroren ist, arbeiten wir uns hinauf.

L'Uomo ist ein Scheinriese. Immer wieder
können wir einen Blick auf das Ziel der Wanderung werfen, doch
jedes Mal erscheint der Felsen kleiner. Die letzte halbe Stunde
lege ich allein zurück, verzaubert im Irrgarten der
rundgefeilten Steinblöcke. Plötzlich stehe ich vor ihm: 20
Meter über mir, auf einem unbezwingbaren Podest, ruhen 30
Tonnen Granit auf einer Grundfläche von weniger als einem
Quadratmeter.

Sylvester mieten wir uns Hütten auf einem
Campingplatz, der extra für uns geöffnet hat. Mittlerweile
sind noch weitere Entenfahrer zu uns gestoßen. Jeder kocht
etwas, jeder probiert bei allen. Im lichten Wald sitzen wir bis
spät in die Nacht ums Lagerfeuer und lassen zwei bizarre Wochen
Revue passieren.
Korsika ist ein wunderschönes Reiseziel, es will
erobert werden. Die "Raid" ist ein Aufhänger, ein
unausgesprochener lockerer Rahmen. Was jeder draus macht, ist
seine Sache. Mich hat die organisierte Anarchie beeindruckt -
sie hat funktioniert!
Karsten
SB-CV 911

PS 1: Ein ganz besonderer Dank
geht an Markus K. aus F., ohne dessen Hilfe und Simmering wir
Korsika nie erreicht hätten. Wenn deine Ente jemals im Saarland
verreckt, einfach anrufen, wir kommen.

PS 2: Ein besonderer Gruß an
Irene, die Lampensammlerin!

PS 3: Ein Zitat aus dem
Französisch-Wörterbuch:
raid (rεd)
m Auto: Fernfahrt f, Tour; ~e
(~) (a. roide) steif, unbiegsam, straff,;
steil (Felsen); schroff, zäh (Holz); reißend (Fluss);
fig. starrsinnig; F
arg, toll; krank; adv. ~ prall; jäh
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