Das
XI. ICCCR in Chevetogne/Belgien 1998
oder
"Wo bitte geht's hier zum Galadinner?"
Ein (ganz
subjektiver) Bericht von einem Wanderwochenende in Belgien
Overtüre
Schon
lange hinderte uns der kollektive Entenfahrerstolz daran, ein
Hotel in 25 km Entfernung vom Treffenplatz zu buchen. Nein, ein
Treffen mit 100 DM Eintritt und Galadinner brauchen WIR nicht!.
Alles Werben der Belgier wurde wochenlang mit Mißachtung
gestraft, auf altgedienten 2CV-Treffen eine Entscheidung, nach
Belgien zu fahren, meisterhaft verdrängt. Plötzlich, am
Clubabend in der ICCCR-Woche, war es dann da: Unenntrinnbar,
übermächtig, ohne Kompromisse: Citroenitis Chevetognii. Einzig
mögliche Therapie: Freitag abend die Ente packen, samstags so
früh wie möglich aufstehen, den Beifahrer abholen.
Nach
20 km begann das Zittern in den Händen aufzuhören. Erste Pause
Tankstelle Saarlouis, belegte Brötchen, "Ist es noch
weit?" Der Opel-Omega-Fahrer aus Polen, im mehrfarbigen
Trilobal-Anzug auf dem Parkplatz neben uns rätselt heute noch,
wieso es im goldenen Westen Leute gibt, die eine Küche statt
des Kofferraums mit sich spazieren führen und sich mit -zig
Jahre altem Schrott abgeben.
Praktiziertes
Europa
Zweite
Pause in Remich/Luxemburg, volltanken für 20 DM, Kaffee kaufen,
2. Frühstück. "Simmer bald da?" Luxemburg, das
Steuerparadies, trotzt jeder EU-Nivellierung. Zwei Tankstellen
pro Einwohner führen zu abenteuerlichen Völkerwanderungen aus
den benachbarten tankstellenfreien Ländern. Das Autoradio
verbreitet ein Gemisch aus Moselfränkisch und Französisch mit
holländischen Akzent und englischer Musik. RTL-Letzeburg sagt
die Anzeige ungläubig. Das ist das Herz Europas! Kaum hat man
sich daran gewöhnt, verläßt man das sympathische und mit
einem der schönsten Treffenorte gesegnete Land der "gekkichen
Rindviecher" auch schon wieder. Doch halt: - rallentir,
change? Willkommen in der Provinz Luxemburg! Selber Name,
anderes Königreich.
Schnurgerade
durchschneiden beleuchtete Betonbänder die Ardennen bergauf,
bergab. Gut, das wir den Puck zu Hause gelassen haben. Wie
langsam darf man auf den Autobahnen fahren? Trotzdem werden wir
nur selten von gehetzten Schnellfahrern von der Überholspur
gesprengt.
Stau im Wald
Plötzlich
reißt mich ein leicht verfremdeter Doppelwinkel aus der
Autobahntrance und erinnert mich an den Zweck der Fahrt: Das 11.
ICCCR! Wie Eva der Schlange folgen wir auf verschlungenen Pfaden
den unscheinbaren Schildern, sie führen uns immer tiefer in das
Herz der Ardennen, wir wähnen Hänsel und Gretel hinter jedem
Baum. Wo mag der Treffenplatz wohl versteckt sein? Haben wir
genug Proviant dabei? Die Landkarte liegt verzweifelt im
Handschuhfach, wir haben schon lange auf manuelle Navigation
umgestellt und beginnen, erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit
unseres Tuns zu hegen, da taucht am Horizont ein Stau auf.
Was
für ein Stau! Welch göttliche Fügung geleitete uns in diese
Prozession?! Dem Himmel nah, reihen wir uns in die Wallfahrt
zahlloser Göttinnen ein, gepaart mit Gangsterlimousinen,
Wellblechlieferwagen und Kleinwagen mit falsch herum geneigter
Heckscheibe. Schüchtern grüßen wir einzelne Enten, das
Federvieh weilt ehrfurchtsvoll in dieser noblen Prozession. Kaum
2 Stunden später und 2000 belgische Frac ärmer dürfen wir
dann mit unserern Reifen den geheiligten Boden von Chevetogne
berühren. Nein, das Camping sei nicht einbegriffen, und der
Platz sei sowieso voll. Wir müssen leider draußen bleiben,
wird uns höflich, aber bestimmt bedeutet, als ich meine Ente
forsch und wie selbstverständlich in die Einfahrt zum Zeltplatz
lenken will.
Citroen-Ausstellung
Über
2 Hügel und Täler ziehen sich saftige Weiden, Kühe muhen,
Vögel zwitschern, Enten schnattern, Hasen ...stop! Enten?
Tatsächlich. Bis zum Horizont! Zelte, Wohnwagen, Enten mit
Queues, na also! Hier sind wir richtig. Schnell einen Zettel an
die Ente von Nils aus Dresden und auf zum Treffenplatz. Mit
Kamera, vielen Filmen und der Information versehen, das es am
Treffenplatz Informationen gibt, entlassen wir uns in das
Getümmel. Wo ist das Treffenbüro? Das kann ich Ihnen nicht
sagen, fragen Sie am Treffenbüro!
Der
Schwerkraft folgend, fallen wir von einer Verzückung in die
andere. Michael entdeckt die größte SM-Verdichtung der Welt
(mir ist der Begriff SM eher aus eindeutig zweideutigen
Kontaktanzeigen bekannt...). Und da - ein Panhard von 1962 mit
originalen 32.000 km. Der Tacho aus elfenbeinfarbigem Plastik
sieht aus wie die Skala von Omas Dampfradio.
Oder
der LKW mit Scheiben nach UNTEN, damit der Fahrer immer direkten
Blickkontakt zur Fahrbahn hat.. Da nimmt man die endlosen Reihen
von perfekt restaurierten 11 CV, 15 CV und ähnlichen
Augenweiden schon kaum noch wahr. Garniert wird alles von mehr
Deessen, als jemals bei Citroen auf dem Werksparkplatz standen.
Nach
einem mehrstündigen Abstieg ins Tal (wegen der vielen
Photostops) entdecken wir, das dies nur der Besucherparkplatz
war.
Die zweite
Wanderung
Im
größten und nobelsten Festzelt, das ich je auf einem
Citroen-Treffen gesehen habe (und ich war auf vielen), wird ein
Mittagsbuffett mit belgischen Spezialitäten serviert (das Zelt
ist mit ca. 4 ha rotem Teppich ausgelegt). Endlich essen! Dank
Stau und Parkplatz liefen unsere Mägen schon wieder auf
Reserve. Astronomische Preisangaben klären sich schnell: 1 BEF
ist 5 Pfennig, und Euro wurden noch nicht akzeptiert. Gestärkt
setzten wir die Informationsodyssee fort.
Vorbei
an der lärmenden mechanischen Kapelle (auch von Citroen?) - Ah,
hier gibt`s Bier und keinen roten Teppich! - geraten wir an die
Ralley-Tafel-Ausgabe und erhalten die Nummer 4384 (die Schlange
am Eingang ging hinter uns noch bis zum Horizont).
Am
Pavillon am Weiher ist in ½ Stunde ein Concour d'elegance! Also
auf zum Weiher! Äh, wo...? Mit dem Bus! (?????!)
Auf
dem Weg zur Bushaltestelle finden wir: 1. ein Chalet, 2. zwei
Topiary-Enten aus Wacholderpflanzen in Originalgröße, 3. ein
Citroen-Kettenfahrzeug, alt, 4. zahllose Verkaufsstände mit
verlockenden regionalen Spezialitäten, 5. Tennisplätze, 6.
einen Golfplatz, 7. ein Schwimmbad. 8. einen sehr schön
gelegenen Dauercampingplatz, 9. die Erkenntnis, daß man in den
Ardennen Wanderschuhe, Regenjacken, und Pullover braucht und 10.
keinen Bus.
Die Schönsten
Nach
einem kurzen Umweg über den Parkplatz (neuer Film, Regensachen)
erreichen wir im 2. Anlauf noch am selben Abend den Concour
d'elegance, welcher aus 3 Autos zu bestehen scheint. Am Horizont
kündet eine gekrönte Ente vom 50. Geburtstag - na also! Ein
Belgier läßt soeben seine Ente zu Wasser (bekannt vom
Welttreffen aus Holland, mit patentiertem
Hydraulik-Reibrollen-Kombinationsantrieb). Ein Reifenwechsel
verursacht Verzögerungen. Auch zu Wasser sind intakte Reifen
enorm wichtig.
Auf
der Concour - Strecke liefern sich gerade drei farbenfroh
zusammengestellte Enten im 70er-Jahre-Studentendesign fröhlich
hupend ein Rennen. Also doch! Dann folgen Pretiosen, die
ihresgleichen suchen. Jedes Fahrzeug des Concours wird in 4
Sprachen samt Restaurationsgeschichte und Lebenslauf des Eigners
vorgestellt. Huldvoll lächelnd navigieren die sichtlich
beglückten Citroenisti mit stolzgeschwellter Brust die Objekte
der Begierde durch die staunende Menge, ständig Anerkennung
(und Neid?) in den Augen der Zuschauer suchend. Wer hat schon
eine rechtsgelenkte weiße DS Super von 1972 OHNE Ledersitze im
fabrikneuen Zustand (trotz Regens ist kein Sandkörnchen im
Radkasten zu entdecken!). Selbst das Bordwerkzeug ist besser als
neuwertig. Die grüne Pfütze LHM unter dem Wagen gehörte
ebenfals zum Lieferumfang. A propos LHM ...
LHM
Nach
so viel teurem Blech müssen wir zuerst mal zurück auf den
Boden der Tatsachen und beschließen, uns in den sicheren Hafen
der Schlaf-Ente zurückzuziehen. Nach einer anstrengenden
Wanderung über Berg und Tal finden wir statt Nils einen Zettel
von Ihm mit herzlichen Grüßen vor, und er sei auf einem
Campingplatz 30 km weiter.
Der
Tagesparkplatz beherbergt mitlerweile zahlreiche ebenso
gestrandete Camper, und so beschließen wir, mit bestem Blick
über die Citroen-Flur, uns einer Ente aus Wien zuzugesellen,
deren Lenker sich offenbar auch zum Übernachten anschicken. Im
Laufe des Gesprächs mit der Lenkerin und ihrem Beifahrer fragt
Michael scheinbar beiläufig, ob sie denn wüßten, wofür die
Abkürzung "LHM" stehe, innerlich voller Stolz, sein
österreichisches Insiderwissen als Leser des "Narizin"
einmal anbringen zu können. Mit einem für Nicht-Wiener nicht
nachzuahmenden, beiläufig-belanglosen Tonfall antwortet der
Beifahrer: "Lieschen Häkelmüller, wieso?", und der
dramaturgisch sorgfältig aufgebaute Gag von Michaels Frage
zerplatzt. In der folgenden, für den ausschließlich des
Hochdeutschen mächtigen, staunend lauschenden Autor der höchst
interessanten Saarländisch-Wienerischen Konversation stellt
sich die Lenkerin des 2CV als Lieschen Häkelmüller persönlich
heraus! Nachdem wir huldvoll Autogramme auf die nackten Oberarme
entgegengenommen haben, legt sich unsere Aufregung langsam und
weicht dem Glücksgefühl, das eintritt, wenn man fern der
Heimat am 2CV steht und mehr und mehr gemeinsame Bekannte der
großen Entenfamilie entdeckt. Von Gerhards Lapplandmütze und
Günthers Handys ist ebenso die Rede wie von Ingos
Entenstartkünsten bei -40°C und Slotens spektakulären
Ausstiegen aus der Acadyane mit Handstand-Überschlag.
Goldsandälchen
und Gummistiefel
So
vergehen die Abendstunden, die Sonne gibt ein kurzes Gastspiel,
verliert aber doch noch gegen die nächste Regenfront vom
Atlantik. Das (zum Glück) mitgebrachte Bitburger ist lange
geleert, und im Festzelt gibt es ab 22 Uhr laut Programm Musik
und belgisches Bier. Ein 2 CV-Altteilehändler entfacht zwischen
Hänger und Zugfahrzeug ein Laberfeuer auf dem Parkplatz, doch
will die rechte Treffenromantik nicht aufkommen, und so stapfen
wir durch Schlamm und nasse Wiesen zum Festzelt.
Da
am Eingang eine lange Schlange ist, steuern wir unsere
schlammigen Gummistiefel durch den Seiteneingang zu den
Toiletten, um uns in erlauchter Gesellschaft von vornehmen Damen
mit Seidenstrümpfen und Goldsandälchen mit dazugehörigen
Herren im schwarzen Anzug mit Fliegen (?) wiederzufinden. 100
Kellner schweben durch die Tischreihen und servieren den in
heitere Konversation vertieften Auserwählten Desserts zu den
verdauungsfördernden Klängen der im Hintergrund dezent
drapierten Jazzband.
Zu
unserer Überraschung gelingt es einem Offiziellen, uns als
Fremdkörper zu identifizieren und höflich, aber bestimmt aus
dem trockenen Zelt zu komplimentieren, da die Herrschaften noch
geruhten zu verdauen. Auch der Hinweis auf den strömenden Regen
erweicht sein Herz nicht, 100 m weiter sei ja noch ein Bierzelt.
Immer
dem Geruch von Pommes nach, finden wir mühelos das 3.-Klasse
Abteil. Rechtzeitig zum Ende des Bierausschanks ergattern wir
die letzten 4 Becher des köstlichen Lebenselexiers. Offenbar
steht uns der Durst auf die Stirn geschrieben, das Bier wird in
rekordverdächtiger Zeit gezapft, der zwangsläugig entstehende
Schaum sorgfältig abgeschabt und der Becher wirklich voll
ausgehändigt. Nach diesem Genuß sind wir nicht böse, daß es
eine bierfreie Phase bis zur Öffnung des großen Zeltes für
das gemeine Volk gibt. Stattdessen betrachten wir phasziniert
die vollmechanische Band, die an holländische Marktorgeln
erinnert und mühelos von Citroen konstruiert hätte sein
können, so ungewöhnlich ist die Technik. -
Sonntag
weckt uns die Sonne, und der Rundgang über einen taunassen,
allmählich erwachenden Treffenplatz mit 400 alten Citroen
zählt wohl zu dem Eindruckvollsten, was dem Citroenisten
widerfahren kann. Eine holländische Familie hat ihre lebende
weiße Ente mitgebracht, sie sitzt in einem Planschbecken mit
etwas Wasser und schnattert leise vor sich hin. Wir staunen
über die große Zahl von Finnen, die mit Citroens aller Art
angereist sind, einschließlich Superfinn Jukka; der eindeutig
die schönsten Postkarten und Pickerl verkauft, wenn er nicht
gerade telefoniert.
3. Bergwanderung
zum Teilemarkt
Wir
rüsten uns zu einer neuerlichen Bergwanderung. Heute haben wir
den Teilemarkt-Gipfel auf dem Programm stehen. Ausgestattet mit
Wanderschuhen, Proviant, Regenzeug, warmen Pullovern (soll man
bekanntlich im Gebirge immer mit sich führen) und survival-sets,
Filmen und Kamera brechen wir noch am Morgen auf. Erschöpft,
aber glücklich erreichen wir, nachdem wir zum wiederholten Male
ins Tal abgestiegen sind, das Hochplateau, auf dem uns die
Zweiklassengesellschaft wieder begegnet. Draußen, unter
einfachen Baldachinen, die gemeinen Händler, und im vornehmen
Zelt die edleren Angebote. Zum Glück habe ich die Liste der
Teile, die ich für die AZU und die DS unbedingt brauche,
vergessen. Die fabrikneuen DS-Vorderkotflügel für 800 DM wird
es auch nächstes Mal noch geben.
Während
der folgenden Sintflut meinen wir für einen Moment, die Arche
Noah am Horizont zu sehen, doch es ist nur eine
Ultralang-Version einer DS mit 5 Achsen. Die wunderschönen
Ersatzteile unter den Baldachinen sind gnadenlos dem Rost
preisgegeben, und volle Busse voller nasser Passagiere kommen
und gehen ohne Halt.
Abgesang
"May
I be excused, my brain is full". Müde, voller Eindrücke
und Erlebnisse, machen wir uns schließlich auf den Heimweg. Bis
zur Autobahn finden wir uns in einem zufälligen Konvoy aus
Panhards, DS, Ami 6, 11 CVs und Enten. Erst auf der Autobahn
wird uns bewußt, daß wir 1998 und nicht 1958 schreiben und
SIPS, durchsichtige Rücklichtgläser, Windschotts und
Bubble-Design die Autoszene beherrschen, während Citroen allen
Designern offenbar gekündigt hat.
Bleibt
zu erwähnen, daß im 3. großen Zelt die beste Ausstellung zum
Thema 2 CV, garniert mit Comics über Citroen und einigen
anderen wunderschönen Exponaten zu bestaunen war, die wir je
gesehen haben. Es waren nur 2 Tage, und doch haben sie uns in
eine andere Welt entrückt, die wir nur ungern wieder verlassen
haben.
Karsten Schreiber
Happy Ents Saarbrücken
SB-CV 911
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